Auswirkungen schlaginterner Blühstreifen auf die Brutvogelbesiedlung eines großflächigen Ackers im Östlichen Hügelland

Autor/innen

  • Helge Neumann Autor/in

DOI:

https://doi.org/10.21248/corax.v25.120

Abstract

In einem Pilotprojekt im östlichen Hügelland wurde in den Jahren 2016 bis 2021 erprobt, ob und wie eine konventionell genutzte Ackerfläche (52 ha) durch feldmittig angelegte Blühstreifen für die Indikatorgruppe der Ackerbrüter aufgewertet werden kann (Ausgangsfruchtfolge: Winterraps Brassica napus, Winterweizen Triticum aestivum, Wintergerste Hordeum vulgare). Um die Auswirkungen der Streifenanlagen zu analysieren, wurden im Untersuchungszeitraum drei Jahre ohne schlagmittige Blühstreifen (2016, 2020, 2021) mit ebenfalls drei Jahren verglichen, in denen innerhalb von zwei lagetreuen Streifen jeweils unterschiedliche Blühmischungen getestet wurden (2017–2019; einjährige Kulturartenmischungen und mehrjährige Leguminosenmischung, Streifenbreite 12 Meter, zusammen 3,9 % der Ackerfläche).

Die Reviersumme der Vogelarten, die aufgrund der ermittelten Nachweise und artspezifischen Habitatansprüche als (potenzielle) Brutvögel der Ackerfläche zu werten sind (Ackerbrüter), war in den drei Jahren mit feldmittigen Blühstreifen im Mittel 1,9-mal so hoch wie in den drei Jahren ohne die Blühstreifen (Faktor 1,3 bis 3,3 bei dem Vergleich der Einzeljahre). Die höheren Gesamtrevierzahlen beruhten maßgeblich auf den höheren Beständen der Feldlerche Alauda arvensis, deren Reviere anteilig den feldmittigen Blühstreifenbereichen zuzuordnen waren und für die in den Jahren mit feldmittigen Blühstreifen im Mittel um den Faktor 2,4 bzw. im Vergleich der Einzeljahre 1,7- bis 4,0-mal höhere Revierzahlen ermittelt wurden als in den Jahren, in denen keine feldmittigen Blühstreifen vorhanden waren. Die beiden weiteren nachgewiesenen Arten aus der Gilde der Ackerbrüter, die Wachtel Coturnix coturnix und die Wiesenschafstelze Motacilla flava, erreichten jeweils in einem der drei Vergleichsjahre mit Blühstreifen höhere Revierzahlen als in den Referenzjahren.

In der Gesamtbewertung deuten die Ergebnisse darauf hin, dass vergleichbare Ackerflächen an Gunststandorten in Schleswig-Holstein durch einjährige feldmittige Blühstreifen als Bruthabitat für Feldvögel (v. a. Feldlerche) aufgewertet werden könnten, ohne dass die landwirtschaftliche Produktion maßgeblich beeinträchtigt wird. Wenn die Streifen jahrweise wiederholt in denselben Arealen angelegt werden, besteht jedoch die Möglichkeit, dass sich aus landwirtschaftlicher Sicht problematische Ackerwildpflanzen (z. B. Acker-Kratzdistel Cirsium arvense) stark ausbreiten, so dass die Maßnahme aufgrund befürchteter Ertrags- bzw. Erntebeeinträchtigungen nicht fortgeführt wird. Innerhalb des Pilotprojektes war dies im dritten Jahr der Blühstreifenerprobung der Fall. Die Vegetationsentwicklung sollte bei flächenkonstanten Streifenanlagen daher sorgfältig im Blick behalten werden, um rechtzeitig reagieren zu können. Voraussetzung hierfür ist, dass förderrechtliche Vorgaben die Durchführung von Pflegemaßnahmen und/oder jahrweise einen flexiblen Abbruch der Maßnahme bzw. Lagewechsel der Streifen zulassen.

Da die Begleituntersuchungen lediglich auf einer einzelnen Ackerfläche erfolgten, können die Schlussfolgerungen, die aus den Ergebnissen gezogen wurden, nicht verallgemeinert werden. Die Effekte der feldmittigen Anlage von Blühstreifen sollten daher mit einer größeren Stichprobe an geeigneten Ackerflächen überprüft werden.

Literaturhinweise

Berger, G. & H. Pfeffer 2011. Naturschutzbrachen im Ackerbau. Anlage und optimierte Bewirtschaftung kleinflächiger Lebensräume für die biologische Vielfalt – Praxishandbuch. Natur & Text, Rangsdorf.

BMEL, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.) 2015. Umsetzung der EU-Agrarreform in Deutschland. Ausgabe 2015. BMEL, Berlin.

Cimiotti, D., H. Hötker, F. Schöne & S. Pingen 2011. Projekt „1000 Äcker für die Feldlerche“ des Naturschutzbundes Deutschland in Kooperation mit dem Deutschen Bauernverband. Abschlussbericht. Projektbericht für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Michael-Otto-Institut im NABU, Bergenhusen, NABU-Bundesverband, Berlin, Deutscher Bauernverband, Berlin.

Daunicht, W. D. 1998. Zum Einfluss der Feinstruktur in der Vegetation auf die Habitatwahl, Habitatnutzung, Siedlungsdichte und Populationsdynamik von Feldlerchen (Alauda arvensis) in großparzelligem Ackerland. Inauguraldissertation, Universität Bern.

Eggers, S., M. Unell & T. Pärt 2011. Autumn-sowing of cereals reduces breeding bird numbers in a heterogeneous agricultural landscape. Biol. Conserv. 144: 1137–1144. DOI: https://doi.org/10.1016/j.biocon.2010.12.033

Gottschalk, E. & W. Beeke 2021. Rebhuhnschutz vor Ihrer Haustür. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Göttinger Rebhuhnschutzprojekt und aus dem Interreg North-Sea-Region-Projekt PARTRIDGE. Abteilung Naturschutzbiologie der Universität Göttingen und Biologische Schutzgemeinschaft Göttingen e.V. https://www.rebhuhnschutzprojekt.de/files/Leitfaden-Rebhuhnschutz-vor-Ihrer-Haustuer-2021.pdf

Henderson, I. G., N. R. Critchley, J. Cooper & J. A. Fowbert 2001. Breeding season responses of Skylarks Alauda arvensis to vegetation structure in set-aside (fallow arable land). Ibis 143: 317–321. DOI: https://doi.org/10.1111/j.1474-919X.2001.tb04492.x

Hötker, H. & C. Leuschner 2014. Naturschutz in der Agrarlandschaft am Scheideweg: Misserfolge, Erfolge, neue Wege. Gutachten im Auftrag der Michael-Otto-Stiftung für Umweltschutz. Hamburg.

Irmler, U., Koop, B. & J. Schrautzer 2020. Entwicklung der Lebensgemeinschaften nach der Umstellung von konventionellen zum ökologischen Landbau. Natur und Landschaft 95 (6): 253-261. DOI: https://doi.org/10.17433/6.2020.50153809.253-262

Jeromin, K. 2002. Zur Ernährungsökologie der Feldlerche (Alauda arvensis L. 1758) in der Reproduktionsphase. Dissertation, Universität Kiel.

Hummel, S., L. Meyer, K. Hackländer & D. Weber 2017. Activity of potential predators of European hare (Lepus europaeus) leverets and ground-nesting birds in wildflower strips. Eur. J. Wildl. Res. 63 (6): 102, 1-13. DOI: https://doi.org/10.1007/s10344-017-1158-6

Joest, R. 2018. Wie wirksam sind Vertragsnaturschutzmaßnahmen für Feldvögel? Untersuchungen an Feldlerchenfenstern, extensivierten Getreideäckern und Ackerbrachen in der Hellwegbörde (NRW). Vogelwelt 138: 109–121.

Kieckbusch, J. J., B. Hälterlein & B. Koop 2021. Die Brutvögel Schleswig-Holsteins. Rote Liste. LLUR, Flintbek.

Koop, B. & R. K. Berndt 2014. Vogelwelt Schleswig-Holsteins. Zweiter Brutvogelatlas. Wachholtz Verlag, Neumünster.

Kühl, A. & M. Müller 2018. Umfrage der Zukunftswerkstatt Pflanzenbau: Was halten Schleswig-Holsteiner Landwirte von Blühstreifen? Bauernblatt 31. März 2018: 42-44.

Langgemach, T. & J. Bellebaum 2005. Synopse: Prädation und der Schutz bodenbrütender Vogelarten in Deutschland. Vogelwelt 126: 259–298.

Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (MLUR) (Hrsg.) 2008. Artenhilfsprogramm 2008. Veranlassung, Herleitung und Begründung. MLUR, Kiel.

Mitschke, A. 2020. Monitoring in der Normallandschaft. Bestandsentwicklung häufiger Brutvögel in Schleswig-Holstein. 15. Jahresbericht, Saison 2020. Ornithologische Arbeitsgemeinschaft für Schleswig-Holstein und Hamburg e.V., Winnert.

Neumann, H., R. Loges & F. Taube 2007. Fördert der ökologische Landbau die Vielfalt und Häufigkeit von Brutvögeln auf Ackerflächen? Untersuchungsergebnisse aus der Hecken-Landschaft Schleswig-Holsteins. Berichte über Landwirtschaft 85: 272-299.

Neumann, H. & B. Koop 2004. Einfluss der Ackerbewirtschaftung auf die Feldlerche (Alauda arvensis) im Ökologischen Landbau. Untersuchungen in zwei Gebieten Schleswig-Holsteins. Naturschutz und Landschaftsplanung 35 (5): 145-154.

Neumann, H. & U. Dierking 2013. Vogelbesiedlung selbstbegrünter und angesäter Ackerbrachen in Schleswig-Holstein. Vogelwelt 134: 99-114.

Ringler, A. & I. Steidl 2004. Flächenstilllegung und Naturschutz. Bewertung der Flächenstilllegung aus Sicht das Natur- und Artenschutzes - Literaturrecherche. Deutsche Wildtierstiftung (Hrsg.), Hamburg.

Schmidt, J.-U. 2018. Nutzungsintegrierter Artenschutz für Feldlerche Alauda arvensis und Kiebitz Vanellus vanellus auf Äckern mit Wintergetreide oder Winterraps. Dissertation, Technische Universität Dresden.

Schmidt, A., T. Fartmann, K. Kiehl, A. Kirmer & S. Tischew 2022. Effects of perennial wildflower strips and landscape structure on birds in intensively farmed agricultural landscapes. Basic Appl. Ecol. 58: 15-25. DOI: https://doi.org/10.1016/j.baae.2021.10.005

Sommer, M. & A. Zehm 2021. Hochwertige Lebensräume statt Blühflächen. In wenigen Schritten zu wirksamem Insektenschutz. Naturschutz und Landschaftsplanung 53 (01): 20-27. DOI: https://doi.org/10.1399/NuL.2021.01.02

Südbeck, P., H. Andretzke, S. Fischer, K. Gedeon, T. Schikore, K. Schröder & C. Sudfeldt 2005. Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Dachverband Deutscher Avifaunisten, Radolfzell.

Verordnung zur Durchführung der GAP-Direktzahlungen (GAP-Direktzahlungen-Verordnung - GAPDZV) vom 24. Januar 2022. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2022 Teil I Nr. 4, ausgegeben zu Bonn am 31. Januar 2022: 139-167.

Vickery, J. A, R. E. Feber & R. J. Fuller 2009. Arable field margins for biodiversity conservation: A review of food resource provision for farmland birds. Agric. Ecosyst. Environ. 133: 1-13. DOI: https://doi.org/10.1016/j.agee.2009.05.012

Wiesinger, K., M. Lang, T. van Elsen, H. Albrecht, J. Prestele & J. Kollmann 2015. Praxisbroschüre. Wiederansiedlung seltener und gefährdeter Ackerwildkräuter im Biobetrieb. Gesamtbericht zu Bundesprogramm Ökologischer Landbau-Projekten FKZ 06OE254, FKZ 06OE355, FKZ 06OE356. Universität Kassel, Fachgebiet Ökologischer Land- und Pflanzenbau; Technische Universität München, Lehrstuhl für Renaturierungsökologie; Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Ökologischen Landbau, Bodenkultur und Ressourcenschutz (Hrsg.).

Downloads

Veröffentlicht

15.11.2022

Ausgabe

Rubrik

Artikel

Zitationsvorschlag

Neumann, H. (2022) „Auswirkungen schlaginterner Blühstreifen auf die Brutvogelbesiedlung eines großflächigen Ackers im Östlichen Hügelland“, CORAX, 25(2), S. 233–248. doi:10.21248/corax.v25.120.